WueDive-Projekt: „KI-gestützte Lehrvideos zur griechisch-römischen Antike“
Diese Unterseite versammelt Reflexionen zu einem konkreten Teilprojekt innerhalb der WueDive-Projektlandschaft. Vorgestellt werden Erfahrungen aus dem KI-Projekt „KI-gestützte Lehrvideos zur griechisch-römischen Antike“, das im Rahmen von WueDive an der Universität Würzburg durchgeführt wurde (Wintersemester 2024/25 und Sommersemester 2025).
Im Mittelpunkt stehen kritisch-reflexive Beobachtungen zur Nutzung Künstlicher Intelligenz bei der Erstellung von Lehrmaterialien (Bilder, Videos, Audioformate, Skripte). Thematisiert werden aufgetretene Schwierigkeiten, erprobte Lösungsansätze sowie Grenzen, die im Projektverlauf bestehen geblieben sind. Ergänzend werden didaktische Einsatzmöglichkeiten der entwickelten Materialien in Schule und Hochschule skizziert, Hinweise zur Prompt-Gestaltung gegeben und grundlegende begriffliche, ethische und rechtliche Fragestellungen zum KI-Einsatz in der Lehre angerissen.
Die hier dokumentierten Überlegungen beziehen sich ausschließlich auf dieses Teilprojekt und verstehen sich als Arbeits- und Reflexionsstand, nicht als abschließende Bewertung.
Das WueDive-Projekt wurde an der Universität Würzburg unter der Leitung von Jan Erik Heßler, Maria Osmers und Anton Glüer durchgeführt.
Reflexion zum Projekt
Herausforderungen und Lösungsansätze
Die Erstellung von KI-gestützten Lehrmaterialien zur griechisch-römischen Antike hat uns vor zahlreiche Herausforderungen gestellt. Unsere Erfahrungen aus dem Wintersemester 2024/25 und Sommersemester 2025 möchten wir hier transparent dokumentieren.
Bildgenerierung: Zwischen Potenzial und Problematik
Die Arbeit mit KI-generierten Bildern erwies sich als besonders anspruchsvoll. Ein zentrales Problem ist die Reproduktion von Stereotypen: Göttinnen und Frauen werden oft hypersexualisiert dargestellt, Helden entsprechen einem übertrieben muskulösen Idealbild. Die KI orientiert sich dabei an ihrem Trainingsmaterial – etwa Hollywoodfilmen wie „Troja“ – und reproduziert deren visuelle Klischees. Dies birgt die Gefahr, bestehende Bias-Phänomene zu verfestigen, statt eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Antike zu fördern.
Korrekturprompts können einzelne problematische Elemente zwar adressieren, führen aber oft zu neuen Schwierigkeiten: Entfernt man ein störendes Detail, taucht nicht selten ein anderes auf. Zudem generiert die KI bei Korrekturen meist ein völlig neues Bild statt das bestehende zu überarbeiten – eine erhebliche Einschränkung für kohärente Bildserien.
Weitere technische Probleme zeigten sich in der Darstellung von Händen, Füßen und Gesichtern, die besonders bei Gruppenszenen oft anatomisch fragwürdig wirken. Die Konsistenz von Charakteren über mehrere Bilder hinweg ließ sich kaum gewährleisten, was die Produktion von zusammenhängenden Videosequenzen massiv erschwert. Auch lateinische und griechische Schrift wurde häufig fehlerhaft wiedergegeben, und selbst KI-generierte Schaubilder erwiesen sich als wenig übersichtlich.
Unsere Lösungsansätze: Wir haben bewusst mit anderen Stilformen experimentiert (etwa im Stil von Asterix und Obelix), um die Erwartung fotorealistischer Darstellung zu umgehen. Zudem haben wir bei ChatGPT die Funktion entdeckt, einzelne Bildelemente zu entfernen – wenn auch nicht immer zuverlässig. Für Schaubilder empfiehlt sich der Ausweich auf spezialisierte, meist kostenpflichtige Plattformen.
Audio, Video und Skripte: Die Avatar-Problematik
Die Arbeit mit KI-generierten Avataren brachte eigene Herausforderungen mit sich. Ausspracheprobleme bei lateinischen und griechischen Fachbegriffen sowie mangelnde Lippensynchronität – besonders bei kostenlosen Versionen mit begrenzten Credits – minderten die Qualität erheblich. Zudem trat häufig das Uncanny-Valley-Phänomen auf: Die Avatare wirken fast, aber nicht ganz menschlich, was bei Betrachtenden Unbehagen auslösen kann.
Im Wintersemester 2024/25 mussten wir feststellen, dass reine Standbilder mit eingesprochenem Text trotz dynamischem Schnitt sehr statisch wirken – und dass gerade das Einsprechen und der Schnitt die zeitaufwendigsten Arbeitsschritte sind, bei denen uns die KI zunächst nicht helfen konnte. Der Kosten-Nutzen-Faktor geriet hier in Schieflage.
Unsere Anpassung: Im Sommersemester 2025 haben wir unsere Vorgehensweise grundlegend geändert und sind auf Plattformen ausgewichen, die den Schnitt automatisch übernehmen. Zudem arbeiten wir mit comicartigen Avataren, die keinen Anspruch auf Realismus erheben und dadurch das Uncanny-Valley-Problem umgehen.
Inhaltliche Qualität und Stilfragen
KI-generierte Skripte neigen zu einem pathetischen, amerikanisierten Stil mit oft aufgesetzten Moralkonklusionen. Songs waren häufig zu sehr an Popmusik angelehnt und stellten Unterhaltung über Information. Auch die automatische Auswahl von Stockfotos (etwa Kolosseum-Aufnahmen mit modernem Autoverkehr) war nicht immer sinnvoll.
Was funktioniert besser: Die KI arbeitet deutlich zuverlässiger, wenn man ihr konkrete Textquellen vorgibt – etwa einen Fachaufsatz zum Zusammenfassen. Songs müssen ruhig und eingängig sein (wie „Es begann mit Augustus, dem Ersten im Reich, er machte Rom ein Imperium gleich“), um Lerninhalte zu vermitteln. Bei Skripten ist es wichtig, der KI präzise Anweisungen zu geben, pathetische Einleitungen und Fazits zu vermeiden.
Strukturelle und rechtliche Herausforderungen
Die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse ist problematisch: KI-Updates verändern die Antworten auf identische Prompts, was Zitierbarkeit und Dokumentation erschwert. Plattformrichtlinien zu Nacktheit und Gewalt stehen manchmal historischer Authentizität im Weg. Die Lizenzsituation bei Musik und die Vermeidung von Wasserzeichen verursachen teilweise erhebliche, nicht punktuell zahlbare Kosten.
Ein grundsätzliches Problem bleibt die Halluzination der KI: Sie fügt erfundene Details hinzu, die falsch oder fehlplatziert sind. Dies erfordert ständige kritische Überprüfung aller generierten Inhalte.
Einsatzmöglichkeiten in der Lehre
Trotz aller Herausforderungen haben sich verschiedene Formate als sinnvoll erwiesen:
Kurze Videos (2–5 Minuten) eignen sich hervorragend als Einstieg in eine Unterrichtsstunde oder Seminarsitzung – ein „amuse gueule“, um Interesse zu wecken. Besonders geeignet sind sie für prägnante Informationsvermittlung: Listen, Visualisierungen abstrakter Konzepte, unbekannte Realia oder gut abgrenzbare Einzelphänomene.
Längere Videos (8–12 Minuten) können in der Schule eingesetzt werden, wenn gezielte Fragestellungen zum Video entwickelt werden, die sich mit dessen Hilfe beantworten lassen.
Podcasts und Zusammenfassungen haben sich insbesondere bei Zeitnot bewährt. Ein Podcast-Programm kann aus einem 30-seitigen Aufsatz einen fünfminütigen Podcast erstellen, den man „nebenbei“ anhören kann, um sich erste Informationen anzueignen. Hier zeigt sich der Kosten-Nutzen-Faktor der KI tatsächlich positiv.
Songs sind für Kaiserlisten und ähnliche Memorieraufgaben geeignet – vorausgesetzt, sie sind eingängig gestaltet.
Interaktive Karten bieten sich an, um geographische Zusammenhänge aufzubereiten. Der Aspekt der Interaktion und Gamifizierung ist hier zentral. Mögliche Themen: Alexanderfeldzug, Heraklestaten, römische Provinzen.
Best Practices für Prompts
Unsere Erfahrungen haben gezeigt: Klare, präzise und detaillierte Prompts sind entscheidend. Viel Kontext ist nötig: Wofür brauche ich das Produkt? Wer ist die Zielgruppe? Welche Stilhöhe ist angemessen?
Beispiel für einen gelungenen Prompt:
„Ich benötige ein Skript für ein kurzes Informationsvideo zu Lukian. Das Video soll eine Länge von fünf Minuten haben. Das Video richtet sich an Studierende der Klassischen Philologie, kann also Basiswissen voraussetzen und sollte im akademischen Stil geschrieben sein. Erläutere zunächst Lukians Biographie und gehe anschließend auf seine wichtigsten Werke ein und wie sie im Kontext der kaiserzeitlichen Literatur zu betrachten sind. Verzichte auf eine Einleitung und ein pathetisches Fazit, sondern beschränke dich auf die Informationsvermittlung. Beziehe dich bei Recherche und Aufbau auf den Wikipedia-Artikel zu Lukian. Bilde innerhalb des Skripts Sinnabschnitte und schlage zu jedem Abschnitt ein sinnvolles Bild vor.“
Beispiel für einen unzureichenden Prompt:
„Erstelle ein Video zu Lukian für die Uni.“
Wichtig: Auch bei ausführlichen Prompts sind Nachbesserungen nötig. Die Kommunikation mit der KI ist ein iterativer Prozess, der mehrere Verbesserungsschleifen benötigt. Vermeiden Sie dabei Suggestivfragen wie „Das ist doch ein schlechtes Ergebnis, oder?“ – die KI widerspricht nicht und bestätigt tendenziell Ihre Einschätzung.
Bei Bildern kann es hilfreich sein, Referenzbilder hochzuladen, um der KI ein konkretes Vorbild zu geben.
Begriffliche und konzeptionelle Fragen
Was verstehen wir eigentlich unter „KI“ in unserem Kontext? Die Abgrenzung ist nicht immer klar: Ist nur selbstständig von der Maschine erstelltes Material als KI-generiert zu bezeichnen, oder auch menschlich erstelltes Material, das eine App aufbereitet? Bei Mischformen verschiedener Elemente, Prozesse und UrheberInnen verschwimmen die Grenzen.
Für die Erstellung von Lehrmaterialien stellt sich die Frage: Ist KI der eigentliche „game changer“, oder sind es vielmehr fortgeschrittene digitale Tools im Allgemeinen? Möglicherweise liegt die Antwort in der Mitte – doch für die praktische Arbeit mögen solche begrifflichen Feinheiten weniger relevant sein als die konkreten Ergebnisse.
Weiterführende Bedenken
Im Laufe des Projekts sind weitere potenzielle Problematiken in den Blick gerückt, die über die bereits erwähnte Reproduktion von Stereotypen hinausgehen:
- Ökologische Erwägungen: Der Energieverbrauch von KI-Systemen ist erheblich und sollte in Kosten-Nutzen-Überlegungen einbezogen werden.
- Datenschutz und Urheberrecht: Die Verwendung von Trainingsdaten und die Rechtslage bei KI-generierten Inhalten bleiben ungeklärt.
- Kritisches Denkvermögen: Fördert oder untergräbt der Einsatz von KI die Fähigkeit zu eigenständigem, kritischem Denken?
- Wissensmanagement und Abhängigkeiten: Welche Kompetenzen gehen verloren, wenn wir zunehmend auf KI-Tools angewiesen sind?
- Kapazitätenverschiebung: Wo werden Ressourcen frei, wo entstehen neue Aufwände?
Diese Fragen sollten in der weiteren Auseinandersetzung mit KI-gestützten Lehrmaterialien nicht aus dem Blick geraten.
Fazit
Die Arbeit mit KI-Tools zur Erstellung von Lehrmaterialien zur griechisch-römischen Antike ist von einem ständigen Abwägen zwischen Möglichkeiten und Grenzen geprägt. Während manche Formate – insbesondere Zusammenfassungen und Podcasts – tatsächlich eine Zeitersparnis bringen können, erfordern andere Bereiche wie Bildserien und Videos erheblichen manuellen Korrekturaufwand. Der Schlüssel liegt in realistischen Erwartungen, iterativer Verbesserung und dem kritischen Bewusstsein für die Limitationen der Technologie.
